“The grandest figure ever”

Ein Mann mit einem Biergarten, der von Baseball nichts verstand, und dennoch sein gesamtes Erspartes in einen Club steckte – um wenigstens mehr Bier zu verkaufen: Chris von der Ahe (1851-1913) war ein Pionier und revolutionierte das Erlebnis rund ums Ballspiel. Ein Blick auf eine Baseballbiographie voller Höhen und Tiefen.

Als Christian Friedrich Wilhelm von der Ahe im Jahr 1899 aus dem Baseballgeschäft aussteigt, ist er pleite und komplett bankrott. Der einstige Magnat der American Association war vom Pionier zum Paria geworden – abhängig von den wohltätigen Zuwendungen seines früheren Kapitäns Charles Comiskey. Als “the grandest figure baseball has ever known” wurde v.d. Ahe von selbigem gepriesen. Selbst dann noch, als Comiskey selbst schon Heldenstatus bei den Chicago White Sox erlangt hatte. Wie aber kam es zum Sturz des einstigen Baseball-Zaren, den manche als Demokratisator und Neuerfinder des Ballsports bezeichnen?

Als Chris v.d. Ahe im Jahr 1882 die St. Louis Brown Stockings – ein Vorläufer der heutigen Cardinals – aufkauft, formiert sich Konkurrenz zur dominanten National League. Deren Ligaführung hatte zuvor mit der Erhöhung ihrer Ticketpreise, dem Verbot von Alkoholausschank sowie der Abschaffung von Sonntagspielen dafür gesorgt, dass der nationale Zeitvertreib, als welcher Baseball in den USA ja gilt, für einen Großteil der Bevölkerung immer unattraktiver wurde.

Hier trat v.d. Ahe auf den Plan. Unter seiner Federführung fanden sich einige zwielichtige Clubs zu einer neuen Liga zusammen und nannten sich American Association. Die Association war bald als beer and whiskey circuit bekannt, da sie überwiegend von Brauereibesitzern, Distillerien und Saloon-Chefs, wie v.d.Ahe einer war, gestützt wurde. Die brachten die Leute mit Sonntagsspielen, Bierverkauf und extrem günstigen Ticketpreisen wieder in Scharen zurück in die Stadien.

Sportsman’s Park, St. Louis, in den frühen 1880ern

Doch Chris von der Ahe war immer noch einen Tick gewitzter als seine Mitstreiter. Er baute die Heimspielstätte der Browns, den Sportsman’s Park, zu einem reinen Vergnügungspark aus. Neben den Biergarten im Right Field, in dem er seinen “Deutschen Tee” aka Bier ausschenkte, gesellte sich bald eine Riesen-Wasserrutsche im Centerfield, sowie eine Wild-West-Show mit 50 Sioux-Indianern und 40 Cowboys. Leider existieren von diesem Rummelplatz, auf dem u.a. auch professionelle Ballspiele stattfanden, keinerlei Aufnahmen mehr, da das ganze Gelände im Jahr 1891 komplett niederbrannte. Die Baseball-Puritaner der National League beobachteten diese Entwicklungen natürlich argwöhnisch. Und so wurde v.d. Ahe in der Öffentlichkeit mit Karikaturen und Spitznamen à la ‘von der Haha’ bald zum Gespött gemacht.

Doch Spott ist ja nur eine Begleiterscheinung von Erfolg. Dank dem großen Talent eines Charles Comiskey, der als Spieler, Manager und Vermittler die sportlichen Geschicke des Clubs in seinen Händen hielt, etablierten sich die Browns über Jahre hinweg zur dominierenden Mannschaft in der American Association – und gewannen sogar die ersten World Series gegen den Gewinner der National League im Jahr 1886.

Die Beziehung zu seinen Spielern gestaltete v.d. Ahe dabei durchaus zwiespältig. Zum einen kassierte er einen Teil ihrer Gehälter wieder ein, indem er darauf bestand, dass sie in seinen Gasthäusern logierten und in seinem Saloon tranken. Auf der anderen Seite führte er, der sich selbst gerne als “Boss President” bezeichnete, sein Team bei jedem Heimspiel persönlich in einer Parade zum Stadion. Zu jener Zeit hatten die Stadien noch keine Umkleiden und die Spieler zogen sich zu Hause um. Vom Saloon aus zogen sie dann die Straße zum Ballpark herunter. Vorneweg Chris von der Ahe, flankiert von seinen beiden Windhunden Snoozer und Schnauzer, die sogar auf einem Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1888 verewigt sind.

St. Louis Brown Stockings 1888. In der Mitte Charles Comiskey. Der junge über ihm diente als Maskottchen. Im Vordergrund Snoozer und Schnauzer (ohne Nummer).

Bei der Eröffnung des neu hergerichteten Sportsman’s Park im Jahr 1882 ist von Chris (geboren in Hille bei Minden, heute NRW) folgende Annekdote überliefert, die seinen brutalen deutschen Akzent sehr schön zur Geltung bringt:

“Look around chentlemen [sic], because this the largest dimundt in the welt ist.” Woraufhin Charlie Comiskey, der Kapitän der St. Louis Browns, Chris taktvoll daran erinnert, dass Baseball Diamonds überall die gleiche Größe hätten. “Vot I meant to say,” erwidert der “Boss President” daraufhin hastig “vas this the larchest infield in the welt ist.”

Als nach dem verheerenden Brand in seinem Vergnügungsressort jedoch auch noch Spielertrainer Charles Comiskey in die neu gegründete Players’ League abwandert, beginnt auch der zunehmende Verfall des von-der-Ahe-Imperiums. Auf einem Liga-Meeting soll Chris sich über die vielen Spielausfälle in einem Jahr wegen Regens dermaßen aufgeregt haben, dass er allen Ernstes vorschlug, aus Fairness die Regentage gerechter über die Liga hinweg aufzuteilen. Auch der Bau eines neuen Ballparks mit 10.000 Sitzplätzen konnte bei ausbleibendem sportlichen Erfolg der Browns die sinkenden Zuschauerzahlen jedoch nicht auffangen. Als Chris im Jahr 1896 zudem noch eine Pferderennbahn neben dem Eingang errichtet, reist auch den letzten Offiziellen der Geduldsfaden. Wettspiele gepaart mit Baseball war schon nach damaligen Statuen eine rote Linie, die dem Sportsgeist zuwider lief. Doch mit der Antwort, diese Regel gelte nur für Baseball – nicht aber für Pferdewetten neben dem Feld, konnte sich Chris erfolgreich herauswinden.

Doch extremes sportliches Missmanagement sowie Einbußen in seinem Amüsementsektor zwangen v.d. Ahe nach und nach in die Knie. Zuletzt beschwerten sich sogar die Statistik-Scorer, dass sie aufgrund des völlig vernachlässigten Infields Hits nicht mehr von Errors unterscheiden könnten. Der Rasen glich nur noch einem abgeernteten Acker.

Abschließend bleibt zu sagen: Christian Friedrich Wilhelm von der Ahe ist ein weiteres Beispiel dafür, wie ein deutscher Einwanderer sich in die Geschichte des Ballsports eingeschrieben hat. Seine wahnwitzigen Ideen prägen die Profiligen bis heute, wo Attraktionen und Knüllerangebote neben dem Feld die Massen ins Stadion locken sollen. Mit seinen innovativen, von Profit getriebenen Geistesblitzen machte er den Sport wieder massenkompatibel. Nicht zuletzt durch die Einführung von mobilen Bierverkäufern und Würstchenständen – jenen “deutschen Einflüssen”, die bis heute von keinem Baseballspiel wegzudenken sind.


Ein Buchtipp zum Thema: The Summer of Beer and Whiskey: How Brewers, Barkeeps, Rowdies, Immigrants, and a Wild Pennant Fight Made Baseball America’s Game. Von Edward Achorn.

Noch mehr biografische Details finden sich unter dem Titel Chris Von der Ahe: Baseball’s Pioneering Huckster bei SABR.

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